Project Description

Die Kämpfe kamen über Nacht. Seit einigen Monaten hatten sich die radikalislamischen Taliban im nordpakistanischen Swat-Tal ein kleines Reich erkämpft. Ein Reich, in dem sie Willkür, Tod und Terror verbreiten. Dann griffen die Regierungstruppen an. Menschen wurden erschossen, Bomben explodierten, Freunde und Verwandte wurden verwundet oder starben. Das alles hat Shamsa erlebt. Vor wenigen Tagen.

Jetzt ist sie in Sicherheit. Ebenso wie die drei weiteren Kinder, die vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben einen grossen blonden Menschen aus dem Westen sehen, wie er im Staub auf der Erde kniet mit seinem Fotoapparat. Sie alle nennen jetzt eines der Zelte ihr Zuhause. Endlos dehnen sich ihre Reihen aus auf der vor Hitze glühenden Ebene. Zehn Quadratmeter Raum pro Familie. Zehn Quadratmeter Raum für Verzweifelung, Trauer und dem Gefühl, alles verloren zu haben.

Shamsas Kleid ist ein kleiner Tropfen Farbe in der trostlosen Ödnis des Flüchtlingslagers. „Mein Lieblingskleid“, vertraut mir Shamsa an. „Ich hatte es an, als wir geflohen sind.“ Als die Bomben einschlugen in ihrem Dorf, liefen Shamsa und ihre Geschwister um ihr Leben. Nichts konnten sie mitnehmen. Nichts ausser den Kleidern, die sie am Leib trugen. Ein Tropfen Farbe. Ein Tropfen Hoffnung. „Das Kleid ist alles, was ich von zuhause habe“, flüstert Shamsa wie zu sich selbst. Und, während sie ihren Blick auf die Zeltstadt richtet, „Ich werde es tragen, bis ich wieder da bin, wo ich hingehöre.“