Project Description

„Am Morgen schien noch die Sonne, ich erinnere mich genau. Und in der Nacht hat mir Haiyan dann einen Teil meiner Familie genommen.“ Stan ist 16 Jahre alt und Fischer, wie die meisten in seinem Dorf. Wir sind in der Bancal Bay unterwegs, im Norden der philippinischen Insel Panay. Für einen Film besuche ich abgelegene Dörfer, die zwei Jahre zuvor besonders hart von Haiyan, einem der schwersten Taifune seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, getroffen worden waren. Stan richtet seinen Blick auf den Horizont. Dort scheinen Wolken erneut zum Schlag ausholen zu wollen, einem Schlag wie vor zwei Jahren. „Plötzlich ging alles wahnsinnig schnell“ erinnert sich Stan, „der Sturm kam, der Regen, die Fluten. Wir wussten nicht, was wir machen sollten. Als die Fluten kamen, sind wir auf die Strohdächer unserer Hütten geflüchtet. Mit unseren Eltern haben gebetet und gewartet, dass es aufhört.“

Eine ganze Nacht lang wütet Haiyan über Bancal Bay. Den Windgeschwindigkeiten von über 200 Km/h haben Stan und seine Familie nichts entgegenzusetzen. Verzweifelt klammern sie sich an allem fest, was ihnen Halt gibt. Die Nacht scheint endlos. Als der Sturm nachlässt, wird das Ausmass der Katastrophe deutlich: Ganze Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht, mehr als 6’000 Menschen heben ihr Leben verloren. „Bei uns im Dorf gibt es keine Familie, die nicht mehrere Tote zu beklagen hat“, erklärt Stan. „Auch ich haben mehrere Cousins und Cousinen verloren.“ Er zeigt auf die Küste in der Ferne. Dort steht die Hütte seiner Familie, sie trägt noch immer die Spuren des Sturmes. Die Regierung und mehrere NGOs haben ein Taifun-Frühwarnsystem eingeführt. „Aber das wird uns hier draussen auf den Inseln nichts nützen“, sagt er. „Unsere Hütten halten der Gewalt der Natur nicht stand und wir haben kein Geld, um sichere Häuser zu bauen.“ Ich frage ihn, was er tun will. Stan blickt auf die Wolkenmassen. Dann dreht er sich zu mir um. Seine Antwort ist eine Frage: „Was soll ich tun, ausser warten und beten?“